HomeDer VereinDie OrgelAnlässeLexikonLinks
 
Die Orgel – Berichte – F. Comment (2006)

Die Goll-Orgel von 1912 in der Kollegiumskirche Schwyz (dt.)

F R A N Ç O I S   C O M M E N T 1

Quelle: Musik & Liturgie 4/06

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung das Autors und des Verlages, Original zur Verfügung gestellt von der Cavelti AG, Druck und Media, Gossau.

Dr. François Comment studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Bern und Paris. Seit 1984 nebenamtlicher Organist an der Kirche St. Marien in Bern. Seit 2000 regelmässige orgelpublizistische Tätigkeit, seit 2003 Redaktionsmitglied der «Tribune de l’Orgue, Revue Suisse Romande». Verfasser verschiedener Artikel über frühe Goll-Orgeln.

Das Kollegium «Maria Hilf» in Schwyz

Das Kollegium in Schwyz, auf einer Anhöhe über dem Kantonshauptort gelegen, ist eine Jesuitengründung des 19. Jahrhunderts. Der Bau von Kollegium und Kirche begann 1841. Letztere blieb natürlich nicht ohne Orgel: Noch 1894 erhielt Friedrich Goll von Luzern den Auftrag für einen Neubau von 25 Registern auf Kegelladen. Sein Opus 126 war eines der allerletzten Werke mit mechanischer Spieltraktur, bevor die Firma zur Röhrenpneumatik überging.2 Am Abend des 3. April 1910 brannte das Kollegium bis auf die Grundmauern nieder. Dieser Katastrophe, von Meinrad Inglin in seinem autobiographischen Roman «Werner Amberg» eindrücklich geschildert, fiel auch die Orgel zum Opfer. Schnell wurde der Wiederaufbau eingeleitet: Nach den Plänen des Architekten Edouard Davinet entstand eine grosszügige neobarocke Anlage. In Anlehnung an Einsiedeln verwendete Davinet die alte Kirchenfassade wieder und errichtete dahinter eine weiträumige, einschiffige Kirche im Jesuitenstil mit Seitenemporen und reichem Schmuck in Weiss, Gelb und Gold, die auch im heutigen, unrestaurierten Zustand noch beeindruckt. Das neue Kollegium konnte bereits 1911 eingeweiht werden.

Nach oben

Die Orgel von 1912

Die ebenfalls eingeplante Orgel wurde, mit 37 Registern auf drei Manualen, wiederum bei der Firma Goll bestellt. Das Auftragsbuch3 vermerkt als Liefertermin «Mitte Oktober» (1912). Als Experten wurden die Benediktinerpatres Ambros Schnyder, Organist der Stiftskirche Engelberg, sowie Josef Staub, Organist der Stiftskirche Einsiedeln, gemeinsam eingesetzt. Als direktes Vorbild für den Schwyzer Neubau diente die durch Goll 1911 errichtete Orgel in der reformierten Kirche Flawil SG. Eine beinahe identische Disposition und die zweigeteilte Aufstellung links und rechts eines Fensters, mit einem freistehenden Spieltisch in der Mitte, machen daraus fast Zwillingsinstrumente.

Die Experten nahmen die Orgel in Schwyz am 26. April 1913 ab. Tags darauf, am Sonntag, den 27. April 1913, fand in einem Gottesdienst mit Chor, Orchester und Orgel die feierliche Weihe statt. P. Ambros Schnyder spielte auch das nachmittägliche Einweihungskonzert. Dabei brachte er das folgende, stark französisch ausgerichtete Programm zur Aufführung:

  • Widor: Variationen und Cantabile aus der 5. Sinfonie;
  • Boëllmann: Prière à Notre-Dame;
  • Guilmant: Allegretto h-moll;
  • Rheinberger: 1. Satz aus der Sonate d-moll.

Von Anfang an wurde die Kollegi-Orgel als besonders prestigeträchtiges Werk verstanden. 1915 erklärte Musikdirektor W. Krieg in einem Zeitschriftenartikel, es handle sich um «ein Kunstwerk und Denkmal schweizerischer Orgelbaukunst allererster Klasse».4 In der Tat scheint die Orgel sowohl für das Kollegium wie für die Orgelbauer von besonderer Bedeutung gewesen zu sein. So manipulierte die Firma im Auftragsbuch sogar die Opusnummer: Die ursprüngliche Nummer 394 wurde durch die runde Zahl 400 ersetzt, wohl um das Werk als besonders wichtig hervorzuheben. Auf dem Firmenschild im Spieltisch steht denn auch: «Goll & Cie., Orgelbaugeschäft, Luzern, Op. 400, 1912». Weiter konnte sich das Kollegium rühmen, weitherum über die modernste, schönste und grösste Orgel zu verfügen. In der Schwyzer Pfarrkirche etwa vermochte man sich erst 1917 ein neues Instrument zu leisten. Es stammte ebenfalls von Goll; aus Spargründen wurden aber anfänglich nur zwei von drei Manualen mit Registern besetzt. In Schwyz stand die Kollegi-Orgel also lange konkurrenzlos da.

Die Intonation der 37 Register besorgte Golls Intonateur Drechsler, ein anerkannter Fachmann. Musikdirektor Krieg war mit dem Resultat ausgesprochen zufrieden: Das Plenum zeichne sich durch «eine würdige, imposante, wuchtige Kraft und Klarheit des Tones» aus. Weiter lobt er die «poesievollen Klangfarben» sowie die Streicher, welche sich «durch ganz besonders ausgeprägte Charakteristik und Feinheit des Tones und des Striches» auszeichneten. Die Streichermixtur Harmonia aetherea verbreite «duftigen Silberglanz». Von den Soloregistern hat es Krieg vor allem die Clarinette angetan; sie ergebe «prächtige Mischungen mit Quintatön 8’, Viola 8’, etc.», doch der unbestrittene «Liebling der Zuhörer» sei das Krummhorn. Der künstlerische Erfolg der Kollegi-Orgel deckt sich voll und ganz mit dem ökonomischen Erfolg der Firma Goll in jenen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Karl und Paul Goll, die Söhne Friedrichs, waren 1905 Teilhaber geworden und hatten die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens forciert, besonders nach dem Tod ihres Vaters 1911. Die Anzahl Mitarbeiter stieg auf rund 70; ein Maximum, das in keinem schweizerischen Orgelbauunternehmen seither jemals wieder erreicht worden ist. Die Produktivität war so bedeutend, dass mehr als ein Instrument pro Monat die Fabrikanlagen in Luzern verliess.

Parallel dazu fand ein stilistischer Wandel statt. Die Dispositionen in der Art der deutschen Romantik, die Friedrich Goll stets bevorzugt hatte, wurden allmählich zugunsten einer stärkeren Ausrichtung am französisch-sinfonischen Stil aufgegeben, der ein grosses Schwellwerk mit kräftigen Zungen erfordert. Schwyz und Flawil stellen einen Zwischenschritt dar: Die drei Manuale sind noch immer von unten nach oben dynamisch gestaffelt, aber das zweite, ebenfalls schwellbare Manual übernimmt hier die Rolle des Récit expressif. So enthält es z. B. die einzige Trompete, die im Hauptwerk nur mehr als Transmission verfügbar ist.

Kollegiumskirche und Orgel als Gesamtkunstwerk (Foto: Peter Christen-Caflisch)

Nach oben

Aufbau des Instruments

Die Kollegiumskirche besitzt eine geräumige Westempore, die auf eine personell aufwendige Kirchenmusik ausgerichtet ist: Zur Erbauungszeit wurde der Gottesdienst regelmässig von einem Chor von 100 Schülern sowie einem 30-köpfigen Orchester mitgestaltet. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb die Orgel etwa drei Meter über der Empore aufgehängt ist. Nur der Spieltisch thront erhöht zuoberst zwischen den Chorstufen; er ist gegen den Altar gerichtet.

Das Werk ist in zwei Flügel aufgeteilt, die rechts und links eines grossen Westfensters mit Stahlträgern in der Westwand verankert sind. Die beiden Gehäuseteile enden beide in einem markanten, neobarocken Pfeifenturm. Vom Schiff aus gesehen befinden sich Pedal und drittes Manual links, die beiden anderen Manuale rechts. Die Bauweise ist recht kompakt, die Laden sind zweistöckig, was die Wirkung der Schwellkästen verstärkt. Diese ist trotz der seitlichen Ausrichtung der Jalousien (gegen den Spieltisch hin) ausgezeichnet. Die Windanlage ist in einem Raum unter der Empore untergebracht. Der grosse Magazinbalg misst 4,5 x 1,4 Meter; weitere Ausgleichsbälge befinden sich in der Nähe der Windladen. Ein Elektromotor war von Anfang an im Lieferumfang inbegriffen.

Sämtliche Windladen sind Taschenladen, und die Traktur ist vollständig röhrenpneumatisch. Insgesamt sollen nicht weniger als fünf Kilometer Bleiröhren verlegt worden sein. Trotz der teilweise grossen Distanzen zwischen den Tasten und den Ventilen lobt Musikdirektor Krieg: «Die Ansprache, Repetition des Tones ist trotz den äusserst langen pneumatischen Leitungen mustergiltig, sicher und präzis […] selbst Staccati gelingen aufs tadelloseste.»

Der Spieltisch mit den im Halbrund angeordneten Registerzügen ist ein hervorragendes Beispiel einer durch die Cavaillé-Coll-Orgeln von Saint-Sulpice und Notre-Dame inspirierten Gestaltung. Dieser Typ war im Schweizer Orgelbau des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts sehr beliebt; unseres Wissens existieren davon nur noch folgende Exemplare: von Kuhn die Orgeln in Montreux (Sacré-Coeur, 1905, III/44), in Zürich (St. Anton, 1914, III/52) und in La Chaux-de-Fonds (Grand Temple, 1921, III/47); von Goll jene in Brüssel-Ixelles (Eucharistiner, 1906, IV/31), in Flawil/SG (ref. Kirche, 1911, III/37) sowie eben in Schwyz.5

Zur Ausstattung derartiger Spieltische gehört zwingend eine ganze Palette pneumatischer Spielhilfen, wie sie in jenen Jahren geschätzt wurden. Dazu nochmals der Musikdirektor des Kollegiums: «Wer schon Gelegenheit gehabt, eine modern ausgestattete Orgel mit all’ den vielen Spielhilfen, Nebenzügen und automatisch wirkenden Apparaten, mit ältern Instrumenten zu vergleichen, der kann gar nicht begreifen, wie man sich früher mit den geradezu primitiven technischen Einrichtungen behelfen konnte.» Eine Zukunftsgläubigkeit, mit der wohl etliche unter uns heutigen Organisten ihre liebe Mühe haben dürften - sofern sie an ihrer Orgel inzwischen nicht ohnehin über eine Setzeranlage mit Sequenzer verfügen!

Als Spezialität sei die Melodiekoppel erwähnt. Damit lässt sich der Sopran vom ersten ins zweite Manual koppeln. Von einem auf dem zweiten Manual gespielten Akkord klingt also bloss die oberste Stimme im ersten Manual mit. In Schwyz ist diese technisch komplizierte Einrichtung dadurch erweitert, dass sie sich mit der Koppel III-I kombinieren lässt, was die Auswahl an Solostimmen auf das dritte Manual erweitert. Natürlich funktioniert das Ganze ausschliesslich bei absolutem Legato, einer Spielweise, die in jenen Jahren ohnehin vorausgesetzt werden konnte.

Nach oben

Der Umbau von 1955

Im Hinblick auf die Hundertjahrfeier des Kollegiums wird die Orgel einer Revision unterzogen. Der Vertrag mit Goll, datiert vom 17. August 1954, trägt den Titel «Vertrag […] betreffend die Reinigung, Generalrevision und Verbesserung der Registerdisposition»6. Vom Totalbetrag von 16 100 Franken ist allerdings bloss ein Viertel für die Revision vorgesehen, während drei Viertel für «klangliche Verbesserungen» reserviert sind. Die Disposition soll also dem Zeitgeschmack angepasst werden. Einerseits geht es darum, den Gesamtklang aufzuhellen. Andererseits ist es interessant festzustellen, dass das in sich stimmige Konzept von 1912 vier Jahrzehnte später nicht mehr verstanden wird. Man unternimmt im Gegenteil alles, um die ursprüngliche sinfonische Orgel in eine Universalorgel der Fünfzigerjahre zu verwandeln, mit einem dominanten Schwellwerk auf dem dritten Manual, einem pseudobarocken Positiv auf dem zweiten und einem «neutralen» Hauptwerk. Das Pedal bleibt weitgehend unverändert. Das Vorgehen ist aus jenen Jahren leider nur allzu bekannt: Die Streicher werden als zu «romantisch» eliminiert, machen hoch liegenden Mixturen oder Aliquoten Platz oder enden umgebaut als 4’-Prinzipale. Nicht einmal das originale Krummhorn als früher Zeuge der Elsässischen Orgelreform findet Gnade: Es wird durch ein eng mensuriertes neues Register gleichen Namens ersetzt, während die Pfeifenfüsse zur Herstellung einer (klanglich allerdings hervorragend gelungenen) Oboe fürs Récit dienen.

Weiter beseitigen die Orgelbauer den Schwellkasten des zweiten Manuals und setzen die Melodiekoppel sowie die Oktavkoppeln ausser Betrieb. Bedauerlicherweise zerstören sie dabei Teile der Verbindungsröhren und entfernen auch die oberste Oktave des Pfeifenwerks. Als besonders schädlich stellt sich die Reduktion des Winddrucks von 100 auf 90 mm WS heraus; sie erhöht die Ungenauigkeit der bereits abgenützten Spieltraktur.

Aus heutiger Sicht sind die Arbeiten von 1955 zudem wenig seriös und unsorgfältig durchgeführt worden. Sie wirken improvisiert, so etwa die Basteleien im Inneren des Spieltischs, wo Bleiröhrchen kreuz und quer umgelegt sind, oder die nicht vollständig korrigierten Porzellanschildchen an den Registerzügen und -wippen. Die durch die Wegnahme des zweiten Schwelltritts entstandene Öffnung ist nicht einmal geschlossen worden. Weiter haben die Orgelbauer einen grossen Teil der Abfälle einfach im Balgraum unter der Empore entsorgt - was für eine Restaurierung allerdings willkommene Möglichkeiten eröffnet!

Ein Grund für die schlechte Qualität dieser Arbeiten könnte im Wechsel in der Firmenleitung liegen, der genau während der Revision stattfindet. In der Tat wird der vom Rektor am 25. April 1955 unterzeichnete Vertrag nicht mehr von Paul Goll, sondern von seinem 32-jährigen Sohn Friedrich junior gegengezeichnet. Paul Goll, mit seinen 75 Jahren immer noch als Verwaltungsratspräsident aufgeführt, stirbt am 13. August desselben Jahres, also wohl noch vor Abschluss der Arbeiten. Der Intonateur Wilhelm Lackner, der als Direktor zusammen mit Paul Goll nach dem Konkurs des Unternehmens 1928 die Aktiengesellschaft gegründet hat, ist in dieser Situation wohl auch nicht in der Lage, die Revisionsarbeiten in Schwyz zu überwachen.

Nach oben

Von 1955 bis heute

Spätestens mit der Umwandlung des Kollegiums in eine Kantonsschule 1972 verlieren die Kirche und mit ihr die Goll-Orgel ihre Bedeutung (heute versieht ein Priester im Pensionsalter jeweils noch einen sonntäglichen Gottesdienst, aber die Zukunft ist ungewiss, da hinter der Kirche keine Pfarrei steht). Mit dem Aufkommen der Orgelbewegung nimmt das Interesse an der Goll-Orgel ab. Obschon der Unterhalt vernachlässigt wird, bleibt das Instrument jederzeit spielbar. Dies dürfte einerseits auf das Raumklima zurückzuführen sein (die Kirche wird nicht geheizt, weshalb die Luftfeuchtigkeit nur wenig schwankt), andererseits auf die hohe Qualität der Gollschen Taschenladen, die auch nach bald hundert Jahren vielerorts in der Schweiz noch einwandfrei funktionieren.7

Erst vor wenigen Jahren hat Peter Fröhlich, Lehrer und Organist in Seewen/SZ, die Kollegi-Orgel gewissermassen aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Als grosser Liebhaber des Klangideals des frühen 20. Jahrhunderts hat er begonnen, das Instrument regelmässig zu spielen, wodurch die Membranen viel von ihrer Elastizität zurückgewonnen haben. Uneigennützig hat Fröhlich auch dafür gesorgt, dass die wichtigsten Reparaturen vorgenommen werden konnten. So klingt heute die lange verstummte Voix céleste wieder, und sämtliche Oktavkoppeln stehen zur Verfügung.

Die Goll-Orgel (1912) des Kollegiums Schwyz (Foto: Roger Hüppin)

Nach oben

Heutiger Zustand

Auch wenn praktisch alle technischen Funktionen mehr oder weniger zuverlässig arbeiten, präsentiert sich die Kollegi-Orgel heute in recht ermüdetem Zustand. Laden und Pfeifen sind von einer dicken Staubschicht bedeckt, die abgenützten Spielmembranen klappern, etliche elfenbeinerne Tastenbeläge sind beschädigt. Die pneumatische Spieltraktur ist so unpräzise geworden, dass sie manchmal beinahe den Spielrhythmus lähmt. Die Wiederherstellung der ursprünglichen Winddruckverhältnisse dürfte hier eine spürbare Verbesserung bringen, hält doch Musikdirektor Krieg fest, dass P. Ambros Schnyder 1913 die F-Dur-Toccata von Widor «mit solcher Präzision und Deutlichkeit zum Ausdruck brachte, als ob er einen Flügel zu spielen hätte».

Klanglich profitiert die Orgel von ihrer freien Aufstellung sowie von der Akustik des Kirchenraums (etwa fünf Sekunden Nachhall bei leerer Kirche). Das Instrument entspricht nach wie vor dem spätromantischen Ideal: Es klingt sonor, gravitätisch und tiefgründig. Abgesehen von den scharfen Mixturen und vom Verlust fast aller Streicher hat der Umbau von 1955 daran nichts geändert. Die Persönlichkeit der Orgel ist in diesem Sinn ungebrochen. Es handelt sich um eine authentische sinfonische Orgel, dies im Gegensatz zu so vielen modernen Werken, denen man bloss die Etikette «sinfonisch» verpasst. In Bezug auf Detailwirkungen, raffinierte Klangeffekte und dynamische Nuancen übertrifft die Kollegi-Orgel so manche Grossorgel unserer Zeit. Die grandiose Fülle des Tuttis tönt überdies nach viel mehr als «nur» 37 klingenden Registern.

So sind sich denn auch alle einig, die die Kollegi-Orgel gehört oder gespielt haben: Sie bietet Spielern wie Hörern ein emotionales Erlebnis. Ihr packender Klangcharakter wird als einmalig eingestuft. Dazu kommt die stilistische Einheit von Prospekt, Klang und Raum, die das Instrument zum Bestandteil eines Gesamtkunstwerks werden lässt. In diesem Sinn ist die Kollegi-Orgel als Instrument von nationaler Bedeutung einzustufen, dies umso mehr, als sich die Orgeln aus jener Zeit und von dieser Grösse in der Schweiz an einer Hand abzählen lassen. Schwyz ist zudem für die Geschichte der Firma Goll von ganz besonderer Wichtigkeit, sind doch deren repräsentative Werke fast allesamt vernichtet worden. 90 Prozent der ungefähr 60 drei- und viermanualigen Orgeln, die zwischen 1868 (Übernahme der Orgelmanufaktur von Friedrich Haas) und 1928 (Konkurs im Umfeld der Weltwirtschaftskrise) die Luzerner Werkstätten verlassen haben, sind heute verschwunden. Nur die folgenden sind erhalten:

1897

St. Gallen, Linsebühlkirche

Umbau und neuer Spieltisch durch Kuhn 1933

III/38

1903

Luzern, Englische Kirche

Unverändert erhalten, unspielbar

III/22

1906

Brüssel-Ixelles, Eucharistinerkloster

Leicht verändert erhalten, unspielbar

IV/31

1907

Territet/Montreux, Englische Kirche

Umbau eines früheren Werkes durch Friedrich Goll, mehrmals verändert, teilweise elektrifiziert

III/27

1911

Flawil/SG, ref. Kirche

Unverändert erhalten mittelfristig Restaurierung geplant

III/37

1912

Schwyz, Kollegium

Umbau durch Goll 1955

III/37

1926

Engelberg/OW, Stiftskirche

Elektrifizierung und neuer Spieltisch durch Graf 1993

IV/137

Linkes Registerpaneel mit Firmenschild (Foto: François Comment)

Nach oben

Zukunftsperspektiven

Die Kollegiumskirche gehört dem Kanton Schwyz. Für das kantonale Bauamt haben verständlicherweise weder Kirche noch Orgel eine hohe Priorität. Die kantonale Denkmalpflege ist sich des Wertes des Instruments zwar bewusst, will aber auch nicht von sich aus aktiv werden. Über das Schicksal der Kirche ist noch nicht entschieden; immerhin ist sie als regional schützenswertes Objekt eingereiht.

Die Orgel hingegen muss wie erwähnt als Denkmal von nationaler Bedeutung betrachtet werden. Die Arbeitsgemeinschaft für schweizerische Orgeldenkmalpflege (AGSO) hat das Instrument am 3. September 2005 besucht und befürwortet die Rückkehr zum Originalzustand. Sein relativ authentischer Erhaltungsgrad, besonders was die Spielanlage betrifft, sowie die hohe Qualität des Pfeifenwerks werden von mehreren Orgelbauern anerkannt, so z. B. von der Firma Kuhn, welche 2002 eine eingehende Untersuchung vorgenommen hat. Die Rückkehr zur Disposition von 1912 ist durchaus möglich; nur etwa zehn Register sind ganz verloren, die übrigen fehlenden sind in andere Register umgearbeitet worden, etwa die Viole d’orchestre 8’ in ein Suavial 4’. Was die Oboe betrifft, die Teile des originalen Krummhorns enthält, wäre es wohl angesichts der Klangqualität vertretbar, sie gemäss dem Vorbild von Flawil beizubehalten.

Inzwischen geht der Anstoss zur Restaurierung der Kollegi-Orgel von einer privaten Initiative aus: Am 29. Januar 2005 hat Peter Fröhlich den Freundeskreis Kollegi-Orgel Schwyz gegründet.8 Er umfasst bis heute mehr als hundert Mitglieder. Sein Ziel ist die Wiederherstellung des Zustandes von 1912. Zur Finanzierung der Kosten, die auf rund eine halbe Million Franken veranschlagt werden, organisiert Fröhlich seit 2004 etwa alle zwei Monate ein Orgelkonzert. Es ist ihm gelungen, eine grosse Zahl von international renommierten Organistinnen und Organisten aus der Schweiz, aber auch aus Frankreich und Deutschland zu verpflichten. Alle haben zugunsten der Restaurierung auf ein Honorar verzichtet. Dadurch und dank eines bedeutenden Legates steht das Spendenbarometer ein Jahr nach der Gründung des Freundeskreises bereits auf stolzen 325 000 Franken.

Wer zur Rettung der Kollegi-Orgel ebenfalls beitragen möchte, ist dazu herzlich eingeladen.9 Ebenso steht die Orgel allen Interessierten offen, sowohl fürs Probieren wie für allfällige Konzerte; Peter Fröhlich freut sich auf möglichst viele Besucherinnen und Besucher!

Emporenanlage mit jugendstilhaft-neobarockem Prospekt (Foto: François Comment)

Nach oben

1 Der vorliegende Aufsatz ist eine deutschsprachige, gekürzte Fassung eines in der «Tribune de l’Orgue» Nr. 2/2006 erschienenen, reich illustrierten Artikels des Verfassers.

2 Vergleichbare Friedrich-Goll-Orgeln stehen heute noch in Bern (christkath. Kirche St. Peter und Paul, umgebaut), Menziken/AG (ref. Kirche) und Trogen/AR.

3 Der Verfasser dankt Herrn Beat Grenacher, Inhaber der heutigen Firma Goll, für die Überlassung einer Fotokopie.

4 Vgl. W. Krieg, «Die neue Orgel des Kollegiums ‹Maria Hilf› in Schwyz», in: «Der Chorwächter », 40. Jg. Nr. 3/1915, S. 28-33. Die folgenden Zitate entstammen ebenfalls dieser Quelle.

5 Der Vollständigkeit halber erwähnt seien die Spieltische der zerstörten Goll-Orgeln von St. Gallen (Sankt Laurenzen, 1908, IV/51), im Besitz des Orgelbauers Daniel Bulloz, Villars-le-Comte/VD, und von Freiburg (Franziskaner, 1914, III/38), ausgestellt im Orgelmuseum von Roche/VD.

6 Der Verfasser dankt Herrn Peter Fröhlich, Organist in Seewen/SZ, für die Überlassung einer Fotokopie.

7 Eine Liste findet sich in: François Comment, «… das edle Kirchliche zu würdigen …: Friedrich, Karl und Paul Goll - eine Schweizer Orgelbauerdynastie 1868-1928», in «Orgel International» (heute «Organ»), Nr. 4/2002, S. 220-231.

8 Vgl. www.kollegiorgel.ch. Kontaktadresse: Peter Fröhlich, Krummfeldweg 36, CH-6423 Seewen/SZ, Tel. 041 811 60 44, info(at)kollegiorgel.ch.

9 Spenden nimmt der Freundeskreis Kollegi-Orgel Schwyz, Sparkasse Schwyz, Konto Nr. 16 0.705.751.02, Clearing-Nr. 66 000, dankend entgegen.